My plan is to fan this spark into a flame …

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Wir waren am vergangenen Donnerstag in „Hamilton“, und etwa 95% der Leute, denen wir ganz begeistert erzählten, dass wir schon seit Dezember Karten haben und uns total drauf freuen, gucken etwas ratlos. Was soll das sein? Und wenn ich dann antworte: „Das ist ein Hip-Hop-Musical über einen Gründervater der Vereinigten Staaten“, dann halten die meisten Leute diese Antwort und mich für ziemlich bekloppt. Zumal ich weder großer Musical-Fan bin noch Hip Hop höre. Also schreibe ich diesen Blogbeitrag, damit ich ihn verlinken kann, wenn Leute sagen: „Davon habe ich noch nie gehört.“ oder „Aaaah ja …..*sideeye*“ Dies ist ein Blogbeitrag über meine (große! Sehr große!) Hamilton-Liebe und wie es dazu kam.

Kurz nach der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten ging sein Vize Pence in das Broadway-Musical „Hamilton“ in New York. Das blieb nicht unbemerkt, sodass sich der Cast auf der Bühne versammelte, um zu verkünden: “We, sir — we — are the diverse America who are alarmed and anxious that your new administration will not protect us, our planet, our children, our parents, or defend us and uphold our inalienable rights. We truly hope that this show has inspired you to uphold our American values and to work on behalf of all of us.” Ich hatte auf tumblr und Twitter schon hin und wieder fangirling zu Lin-Manuel Mirandas Musical mitbekommen, aber als Trump daraufhin in Tweets polterte, how „very unfair“ dieses Statement gewesen sei, war endgültig der Punkt erreicht, an dem ich dachte: Das muss ich mir mal genauer ansehen.

A.Ham auf der 10-Dollar-Note

Ich klickte wild auf einige YouTube-Videos, um mich fortzubilden, aber da es sehr viele Lieder sind und YouTube sehr unübersichtlich, legte ich mir das zweieinhalbstündige Album zu. Das ist jetzt anderthalb Jahre her und ich höre es seitdem obsessiv rauf und runter (Übersichtlicher als auf YouTube und mit Text kann man übrigens auf genius.com reinhören!). „It’s a story about America then, told by America now”, sagt Miranda, und das ist das Phänomenale daran: Die Zeit des Unabhängigkeitskriegs und der Politik der frühen Jahre der Vereinigten Staaten wird in geradezu absurd sprachlich gewandten Songs und Raps erzählt, von einem Cast, der zum großen Teil aus Schwarzen und Latinos besteht. Absolut ikonisch ist die Zeile „Immigrants – we get the job done!“, mit der Lafayette (Daveed Diggs) und Hamilton (Lin-Manuel Miranda) in die Schlacht von Yorktown ziehen.

Die Songs vermitteln plastische Bilder, ohne auf viele Soundeffekte zurückzugreifen – Washingtons Verzweiflung, während die Briten seine Truppen immer weiter zurücktreiben, ist greifbar, das Älterwerden des Protagonisten, seine moralischen und unmoralischen Verwicklungen, werden absolut glaubhaft gezeichnet, ebenso wie der Antagonist Aaron Burr, der bereits im Opener verkündet: „Me? I was the damn fool that shot him!“ Wie Hamilton endete, weiß in den USA jedes Kind: Er wurde von Burr in einem Duell erschossen. Deshalb baut das Musical keinen Spannungsbogen in dieser Hinsicht auf, sondern lässt Burr, Hamiltons Frau Eliza, Washington und auch Hamilton selbst immer wieder die zeitliche Barriere durchbrechen und als Erzähler auf die Geschehnisse blicken – als wären sich die Figuren bewusst, dass sie gerade Geschichte schreiben. Eine weitere „Punchline“ des Musicals ist „Who lives, who dies, who tells your story?” und Hamilton, der mittellose Waise aus der Karibik, sucht sein ganzes Leben lang nach dem Vermächtnis, das er weitergeben will – er ist geradezu besessen davon, etwas aufzubauen, auf das man zurückblicken kann. Und das ist – ein Finanzsystem. Der gesamte zweite Akt beschäftigt sich im Prinzip damit, dass Hamilton gegen die Widerstände von Thomas Jefferson und James Madison ein Finanzsystem erschafft – und das ist trotzdem nicht langweilig. Für das Musical, das eine Adaption von Ron Chernows Hamilton-Biografie ist, erhielt Miranda nicht umsonst 2016 den Pulitzer-Preis. Wer der englischen Sprache mächtig ist und kreativem Umgang mit selbiger etwas abgewinnen kann, sollte dringend mal reinhören. Wer auf Revolutionen und Duelle steht, muss dringend Hamilton kennen. Wer politische Sitzungen mal in Rap-Battle-Form vermittelt bekommen möchte, kommt auch auf seine Kosten.

Bis Ende 2017 wurde Hamilton nur in den USA aufgeführt – und dann wurde angekündigt, dass es in den frisch renovierten Londoner Victoria Palace einziehen würde – für mindestens ein halbes Jahr, das nun auf ein ganzes verlängert worden ist (und ich hoffe, es wird noch länger aufgeführt, denn ich würde glatt noch mal reingehen). Die Londoner Besetzung ist eine andere, aber so ähnlich gecastet, dass ich schon, als die ersten Bilder der Schauspieler bei Twitter auftauchten, sagen konnte, wer Laurens, Mulligan oder Washington spielt, weil die Schauspieler ihren amerikanischen Pendants einfach so ähnlich sind. Auch die Stimmen sind sich recht ähnlich, die einzige richtige Umstellung war Aaron Burr – ich liebe Burr ja sehr, wie man vielleicht kaum merkt, und der Londoner Burr ist auch nicht zu Unrecht mit dem Olivier-Award als bester Hauptdarsteller gekürt worden, aber er singt halt doch ziemlich anders als Leslie Odom Jr. und teils auch schneller, hatte ich den Eindruck, so dass ich bei meinem Lieblingslied „Wait for it“ dachte: JETZT SING DAS DOCH NICHT SO SCHNELL, JUNGE, SONST IST DAS JA DIREKT ZU ENDE!!!!

Jedenfalls kam man im Dezember nur an Karten, wenn man schnell genug war – in London hing außerdem Werbung für geschätzt 125 Musicals und Hamilton war nicht dabei; ich vermute, weil es einfach keinen Zweck hat, dafür zu werben, wenn eh keine Tickets zu haben sind. Ich hab also im Dezember zwei Tickets für Ende Mai ergattert – und immerhin zu einem nicht ganz apokalyptischen Preis: 70 Pfd in einer Loge, die jedoch eingeschränkte Sicht auf den oberen Teil der Bühne hatte. Dafür saßen in dieser Loge nur vier Leute UND sie hatte einen Butler. David. Er brachte uns Getränke und war sehr höflich (aber wir mussten in seiner Abwesenheit lachen, denn unser 13-Gezeichneten-Protagonist Dawyd hat seine Sternstunde auch in einem Theater, bei dem er von Loge zu Loge springt und Soldaten massakriert. Das hat David zum Glück unterlassen). Ja, wir haben den oberen Teil der Bühne tatsächlich kaum gesehen: Die Bühne erinnert mit Steinwänden und Holzemporen mit Tauwerk an eine Mischung aus einer Straßenszene und einem Schiff, und auf den Holzemporen stehen schon auch mal Leute, und wir konnten dann halt nur ihre Beine sehen. 😉 Aber das war in Ordnung, das meiste spielt sich auf dem Holzboden unten ab, in dem sich zwei konzentrische Kreise drehen können. Viel mehr Bühnenbild gibt’s auch nicht – die Schauspieler tragen alle schlichte, pergamentfarbene Kostüme des 18. Jahrhunderts, die Protagonisten heben sich durch farbige Mäntel oder Gehröcke ab, die Protagonistinnen durch Kleider. Ab und an werden wenige Möbelstücke hereingetragen; ein Schreibpult, Hocker, Stühle … Nicht viel mehr. Wer einen Eindruck davon bekommen möchte, kann bei YouTube fündig werden. Alles andere transportiert das Stück durch die Schauspieler – dabei gibt es keine Dialoge zwischen den Liedern. Obwohl ich das Album sicherlich mittlerweile hundertmal gehört habe, war ich absolut beeindruckt davon, das Ganze gespielt zu sehen. Der Wechsel des Lichts, die Interaktionen zwischen den Charakteren, das Visuelle, das einem einfach nicht klar ist, wenn man es nicht vor sich sieht: Ich hatte so viel Gänsehaut! Die Auftritte von King George, der sich als geprellter Liebhaber der Amerikaner darstellt, haben das Publikum zum Brüllen gebracht vor Lachen. Er war so … sparkly! Extravagant! Verwöhnt! Zickig! Jefferson war ein arroganter Bastard. Washington würde ich auch in den Krieg folgen. Und Hamilton, in London von Jamael Westman gespielt, der alle außer Washington gefühlt um anderthalb Köpfe überragt, nimmt man seine Wandlung vom aufbrausenden jungen Mann zum sich die Finger wundschreibenden Secretary of the Treasury, bloßgestellten Lebemann und trauernden Vater absolut ab.

Also, Hamilton hat sprachlichen Feinsinn, Duelle, Revolutionen, großartigen Hip Hop, tolle Schauspieler, Liebe, Hass, Friends-become-enemies – und habe ich Duelle schon erwähnt? Wer auf irgendetwas davon steht, sollte mindestens das Album hören. Oder schon mal den Trip nach London planen. Es lohnt sich.