Phönix und Affe

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Ich schrieb einen Splittermond-Roman! Und der ist vorgestern erschienen, also ist es vielleicht mal an der Zeit für einen kleinen Werkstattbericht.

Dass das nicht mein erster Roman zu einem Rollenspiel ist, weiß vermutlich jeder, der sich auf diese Website verirrt hat. Warum schreibe ich gerne Rollenspielromane? So viel Spaß mir World-Building macht – es schluckt auch sehr viel Zeit und Energie beim Schreiben, und in einem dem Leser bereits bekannten Setting zu schreiben ist manchmal auch einfach recht erholsam.

Dem Leser bekannt hieß in diesem Falle jedoch nicht „mir bekannt“. Als ich letztes Jahr auf der HeinzCon mit Feder&Schwert-Trin und Uhrwerk-Ömel ins Gespräch kam und wir auf die fixe Idee verfielen, ich könne ja einen Roman zum Rollenspiel Splittermond schreiben – nämlich den dritten in der neugestarteten Splittermond-Romanreihe – wurde mir natürlich auch recht schnell klar, dass ich mir da recht viel Worldbuilding würde anlesen müssen. Ömels Idee, die Entstehung des Regionalbandes zum „Pseudo-China“ Zhoujiang zu nutzen, um in dieser zum ersten Mal ausführlicher beschriebenen Region einen Roman anzusiedeln, gefiel mir sofort außerordentlich gut. Erstens: Ich hatte keine Lust mehr auf europäische Mittelalter-Fantasy. Zweitens: Da der Band gerade erst in der Mache war, konnte ich im Prinzip währenddessen mitlesen und mitrecherchieren, was für mich schon recht spannend war (und ich hatte alle Infos, die ich brauchte und musste nicht in 50 verschiedenen Publikationen suchen). Ach ja, und drittens: China-Fantasy! Wuxia! Kung Fu! Wer sagt zu so was Nein??

Cover von Florian Stitz

Das war also die Geburtsstunde von „Phönix und Affe“. Recherchiert habe ich nicht nur in den Rollenspielquellen, sondern ich „musste“ natürlich auch einen Haufen Wuxia-Filme und Kung-Fu-Dokus (und noch mal alle Staffeln Avatar – The Last Airbender) gucken, und da meine Kinder ohnehin schon seit einem Jahr zum Kung-Fu-Training gingen, habe ich mich kurzerhand auch angemeldet, um das Ganze „hautnah“ (im wahrsten Wortsinne 😉 ) zu erfahren. Natürlich ist „Phönix und Affe“ voller Fantasy-Kung-Fu-Moves, aber sowohl Recherche als auch Schreibarbeit haben mir sehr viel Spaß gemacht. Letztlich geht es um einen verbotenen Chi-Kung-Stil und um zwei sehr unterschiedliche Protagonisten, die aufgrund dieses Stils gejagt werden. Das Mädchen Ming-Na, die auf den Spuren ihrer getöteten Meisterin wandelt, und der desertierte Soldat Zhihou, der aufgrund eines Fluchs nicht mehr in der Lage ist zu sprechen.

Ein stummer Hauptcharakter war definitiv eine Herausforderung! Zhihou kommuniziert mit seinen zahlreichen Tätowierungen, die Ming-Na im Laufe des Buches immer besser zuzuordnen lernt, so dass die beiden in der Lage sind, sich zu unterhalten. Aber wer stumm ist, ruft einem anderen auch keine Warnungen zu und kann auch in bedrohlichen Situationen nicht antworten. Ursprünglich kam mir die Idee wegen der Zatoichi-Filme, in denen der wandernde Samurai blind ist – aus der personalen Sicht eines Blinden zu schreiben, traue ich mir allerdings nicht zu, da war stumm schon einfacher!

Ebenfalls ein wahrer Augenöffner (war das jetzt ein Blindenwitz?) war die andere Geschlechterstruktur in Zhoujiang. Zhoujiang ist auf eine Weise matriarchalisch, die nicht einfach „nur“ die Machtverhältnisse umdreht, sondern auch eine Art Gewaltenteilung vornimmt: Politische Macht – Frauen. Militärische Macht – Männer. Nach einem Putsch ist nun in großen Teilen des Landes ein General an der Macht, doch dieser hat das Militär insofern reformiert, dass nun auch Frauen darin Karriere machen können – und den politischen Apparat so, dass auch Männer Ämter innehaben können. Und trotzdem ist er trotz dieser gleichberechtigten Bestrebungen im Prinzip der Antagonist des Settings (was mich dann wiederum an unseren Kaiser Yulian in „Die 13 Gezeichneten“ erinnert hat, der sich Freiheit und Gleichheit auf die Fahnen geschrieben hat, aber mit einer Besatzungsmacht nach Sygna gekommen ist – die beiden Seiten der Revolutionsmedaille).

Die Geschlechterrollen in Zhoujiang haben mich noch mal verstärkt darüber nachdenken lassen, wie stark verankert dieser „gender default“ in unseren Köpfen ist. Nehmen wir mal eine generische Fantasy-Situation. Der Wirt? Ein Mann. Die Schankmaid? Eine Frau. Der Bauer am Wegesrand, die Zufallsbegegnung im Wald, der Verletzte auf dem Schlachtfeld? Auch in gleichberechtigten Settings besetzen wir da im Kopf sofort Männer. Weil Männer so etwas wie die „Standardpersonen“ sind, zumindest in unserer kulturellen Prägung. Was passiert, wenn ich das umdrehe? Ich habe beim Schreiben einfach mal versucht, jede Person erst einmal als Frau anzunehmen und mich zu fragen: Was ist, wenn ich diese Person jetzt zu einem Mann mache? Das heißt nicht, dass das ganze Buch voller Frauen ist! Das war nur ein Gedankenexperiment: Mach in deinem Kopf mal das Gender Default weiblich (was ja auch dem Zhoujiang-Setting entspricht). Das hat Spaß gemacht und war in mancher Hinsicht ein Augenöffner. (Schon Jessica Jones Staffel 2 gesehen? Wir sind gerade mittendrin und die Serie macht das lustigerweise auch.)

Und bei den Gedanken über Gender kam mir dann der Gedanke: Was, wenn ein Charakter nicht in das übliche Geschlechterbild passt? Die beiden Protagonisten werden von Xitinhi verfolgt, und Xitinhi ist genderfluid und wechselt im Laufe des Romans häufiger das Geschlecht, manchmal, wenn es von Vorteil ist, manchmal, weil es keine bewusste Wahl ist, sondern so passiert. Beim Korrekturlesen fiel mir dann auf, wie unglaublich schwierig das Umdenken offenbar für mich selbst war: Es befanden sich noch häufig „sie“s im Text, wenn Xitinhi gerade ein Mann war, und umgekehrt ebenfalls. Und der Lektor hat auch noch einige falsche Pronomen gefunden. (Danke für das aufmerksame Auge!)

Und vielleicht denkt ihr euch gerade: O Gott, muss das sein – genderfluid, gender default, ich wollte einfach nur einen Splittermond-Roman lesen! Bitteschön, das ist ein Splittermond-Roman. Es ist sehr viel Kung-Fu-Quatsch drin, ein hoffentlich packender Road Trip durch Zhoujiang mit Triaden, Tiergeistern und Tee. 😉

Ich wünsche euch viel Spaß. Möge die Kraft des Phönix in euch erwachen!

P.S.: Ich habe gerade auf Facebook eine sehr bereichernde Unterhaltung geführt – in der Kürze dieses Blogartikels sieht es tatsächlich so aus, als würde ich mit Xitinhi den queeren Charakter des Buches zum Antagonisten machen. Auch eine/r der Protagonisten ist queer (aber ich will lieber nicht zu viel spoilern) und es liegt mir fern, das Klischee des „bösen Schwulen“ zu bedienen. Xitinhi ist keinesfalls der Muharhar-Fantasy-Bösewicht dieses Romans – aber wie gesagt: No Spoilers! Ich möchte, dass Romane, Serien, Filme so divers, inklusiv und bunt wie möglich sind, und ich will mich sicherlich hier nicht als Heilige des Fantasy-Genres hinstellen – das war nicht der Grund für diesen Artikel. Ich möchte nur sagen: Wenn wir mehr Diversität in unsere Erzählungen bringen, bringen wir auch mehr Diversität in unser kulturelles Selbstverständnis und Bewusstsein. Ich möchte Schritte in die richtige Richtung gehen, und ich denke, ich bin lernfähig. Und ja, sprecht mich gern drauf an, was ich falsch mache oder besser machen könnte! Xitinhi ist deshalb Nebencharakter, weil ich mich schlichtweg an einen genderfluid Hauptcharakter noch nicht herangetraut habe – es gibt Szenen aus Xitinhis Sicht, aber ein Hauptcharakter wäre noch einmal eine ganze andere Hausnummer, und dazu müsste ich wohl noch mehr Erfahrungen sammeln und dazulernen.

P.P.S.: Und als Literaturtipp: „Zwischen zwei Sternen“ von Becky Chambers hat einen tollen genderfluid Sidekick. 🙂 

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