Werkstattbericht (oder so)

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Die mit Abstand am häufigsten gestellte Frage, die Christian und ich auf Lesungen oder auch in Gesprächen rund ums Schreiben zu hören bekommen, ist nicht „Wo kriegt ihr eigentlich die Ideen her?“ (DIE Lieblingsfrage eines jeden, der schlichtweg nicht weiß, woher zum Teufel er seine Ideen hat!), sondern „Wie schreibt man eigentlich zu zweit?“

Da die Frage so oft kommt, habe ich gedacht, ich schreibe einfach mal einen Blogartikel darüber, zumal ich heute auf Twitter mit einem anderen Autor und meiner ersten Lektorin übers Thema „Werkstattberichte“ schrieb. (*wink*)

Demnächst kann ich dann auf die Frage einfach erwidern: „Wee-wee-wee-Punkt-jott-Zeh-Vogt-Punkt-Dee-ee-Slash-Werkstattbericht-Bindestrich-oder-Bindestrich-so.“ Oder ich drucke es mir auf ein T-Shirt! 😀

Womit ich die Frage keineswegs schmälern will, sie ist ja nicht unberechtigt. Wenn zwei Leute am gleichen Text herumdoktern, wie lassen sich dann Brüche im Schreibstil und Streitigkeiten um „Ich hab mir die Szene aber ganz anders vorgestellt!“ vermeiden? Oder schreibt Christian am Ende gar nicht und ist nur beim Planen der Story dabei, wie das bei einigen Autorenteams der Fall ist (zum Beispiel den „Warrior Cats“-Autorinnen)?

  1. Christian hat bei unserem ersten gemeinsamen Roman „Die zerbrochene Puppe“ tatsächlich nicht sehr viele Szenen geschrieben. Wir haben gemeinsam Ideen gesammelt, die Protagonisten aus der Taufe gehoben, die Story festgezurrt, das Exposé gefriemelt – dann hab ich die Leseprobe geschrieben und Christian hat sie korrekturgelesen, ein bisschen bearbeitet, ich hab sie korrekturgelesen, ein bisschen bearbeitet. Und so oder so ähnlich lief es dann auch, als die Zusage kam (der scheinbar endlose Kreislauf aus Korrekturlesen und Bearbeiten ist seitdem erhalten geblieben …). Von Christian stammten einige kleinere Szenen, in denen es vornehmlich um den Maxwell’schen Dämon ging. Also das Physik-babble. 😉
  2. Ich bin der Hauptschreiberling von uns beiden. Das wird niemanden überraschen, denn ich sitze vornehmlich herum und schreibe, während Christian vornehmlich herumsitzt und geophysikalische Softwares weiterentwickelt. Christians Anteil am „Gesamtwerk“ wächst allerdings von Buch zu Buch, und, ja, er darf sich dann seine persönlichen Rosinen rauspicken und die schreiben. Wir haben aber etwas verschiedene Rosinen, so dass ich nicht allzu oft auf Szenen verzichten „muss“, die mir am Herzen liegen. Damit sich die Szenen nachher nicht anders lesen, ihr werdet es ahnen, greift auch hier der Kreislauf aus Korrekturlesen und Bearbeiten. *seufz*
  3. Wir schreiben trotzdem halbwegs chronologisch. Wir beginnen am Anfang, enden am Ende und bessern zwischendurch (im ewigen Kreislauf) kontinuierlich nach. Wenn Christian sich also die Rosine „Der Aufstand bricht los“ aussucht, wartet er, bis ich beim Aufstand angekommen bin, sperrt dann die Datei, schreibt seinen Aufstand rein, und ich mache in der Zeit andere Dinge (es gibt immer genug andere Dinge …). Wenn der Aufstand fertig ist – bearbeite ich ihn … und mache von da aus weiter.
  4. Wir arbeiten mit Dropbox und im Moment einem Schreibprogramm namens Scrivener, bei dem man einen Haufen Notizen und Karteikarten und Unter-Dateien zum Manuskript hinzufügen kann, so dass man alle Infos immer … na ja, nicht auf einen Blick hat – aber sie sind da irgendwo. 😉 Ja, wenn eine unserer Dropboxen hängt und nicht aktualisiert, kommt es zu Katastrophen und doppelt angelegten Dateien. Wir versuchen, das zu vermeiden, aber zu behaupten, wir hätten es im Griff, wäre schlichtweg falsch. 😉 Wir arbeiten bisher nicht komplett in der Cloud und können daher nicht beide auf dieselbe Datei zugreifen. Das würde Katastrophen sicher etwas minimieren, aber wir tun’s halt noch nicht, weil wir Dropbox-Gewohnheitstiere sind und das Programm, mit dem wir arbeiten, halt keine Cloud-Application ist. Da würde mir jetzt nur Google Documents einfallen, aber das würde bei Texten und Anmerkungen in dem Umfang sicher nicht ganz einfach.
  5. Wir streiten uns nie über Szenen.
  6. Das war ein Witz. Wir streiten uns natürlich über Szenen. Wir verletzen einander die Eitelkeiten, sind aufbrausend und beleidigt und benehmen uns kindisch, aber irgendwann kriegen wir uns wieder ein und entscheiden halbwegs erwachsen, was die beste Lösung ist. Oder vielmehr was wir dafür halten.
  7. Der erste Korrekturgang ist: Ich lese Christian mein Geschreibsel vor. Er läuft währenddessen auf und ab oder macht Tee oder gibt zu, dass er gleich einschläft und wir das am nächsten Tag weitermachen sollten. Wenn dann ein Widerspruch drin ist, eine doofe Formulierung, wenn etwas unverständlich ist oder nicht gut, dann bauen wir es entweder sofort um (wenn es wenig Arbeit ist) oder machen eine Notiz dran für später (wenn es mehr zu tun gibt). Wenn wir in Sackgassen stecken, les ich den Text bis dahin vor und dann überlegen wir, wie wir uns rausmanövrieren. Meistens kommen wir innerhalb von Minuten auf Ideen, für die man allein vielleicht Stunden gebraucht hätte – oder auf die man gar nicht gekommen wäre.
  8. Jetzt sieht das vermutlich sehr abendfüllend aus und so, als würde es unser Privatleben eher ruinieren – aber Szenen, die man stundenlang geschrieben hat, hat man oft in wenigen Minuten vorgelesen, und manchmal hängen wir auch einfach ein paar Tage hinterher, weil wir stattdessen Serien konsumieren, X-Wing spielen oder sonstwie abnerden mussten.
  9. Wir teilen uns die Recherche auf. Es gibt ja auch Schreibteams, in denen z.B. einer plant, einer schreibt und einer recherchiert, aber bei uns recherchieren wir beide. Christian recherchiert aus praktischen Gründen eher Kram, der für eine bestimmte Szene wichtig ist (Aufbau eines Luftschiffs. Glühphasen beim Schmieden.), während ich Dinge recherchiere, die ich für die Gesamtstimmung brauche (Aztekenkultur. Geographie Mexikos.).
  10. Ich arbeite das Lektorat ein und mache den letzten Korrekturdurchgang der gelayouteten PDF-Fahne.

 

Als Bonusfrage: Steht das C. auf meinen Solo-Büchern für Christians Ghostwriter-Mitarbeit?

Nein. Das C. steht einfach für meinen Zweitnamen. Kurz vor dem Erscheinen meines ersten Buchs sagte ein Freund: „Du musst den Anfangsbuchstaben deines Zweitnamens mit drauf nehmen, das macht man so.“ Und ich: *shrug* ;))

Christian ist aber auch bei meinen Solo-Büchern nicht untätig. Ich erzähle ihm von der Story, ich lese ihm den Kram vor, wir reden auch über Sackgassen und Kniffliges – aber er schreibt halt nicht mit und ist eher mein Support. 😉 Daher, nein, leider kein Ghostwriter-C für Christian!

 

Falls euch das gefallen hat oder generell interessiert, würde ich mich natürlich freuen, wenn ihr einfach einen Kommentar hinterlasst. So was wie „+1“ reicht mir als Zeichen für Interesse an solchen Themen. Wenn nicht, lass ich es einfach und rede weiter über Star Wars und Steampunk. 😀

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